Die aktive Gesellschaft
Ich hatte kürzlich ein kleines Buch der EU-Kommission in der Hand, das grade mal 33 mal 25 Millimeter misst. Sozusagen die Feldpostausgabe von „Meine Grundrechte in der Europäischen Union”. 54 Artikel, angefangen bei: 1 - Würde des Menschen
Als ich es so durchblätterte viel mir auf, dass kein Mensch in Europa von Pflichten zu sprechen scheint: „Meine Pflichten in der Europäischen Union”? Aber auf dem Büchlein steht es ja. GrundRECHTE. Was soll ich auch erwarten?
Doch wie kam ich auf den Gedanken?
Glücklicherweise bin ich im Rahmen meines Unterrichtes der Sozialwissenschaften kürzlich auf Amitai Etzioni aufmerksam gemacht worden, über den ich ein paar Worte erzählen soll. Gestoßen bin ich dabei auf eine Publikation, die meinen Anspruch hervorragend verdeutlicht. Zusammengefasst: Was muss das Individuum tun, damit sich eine Gemeinschaft weiterentwickelt, statt dass eine Gemeinschaft unter seinen Individuen leidet?
Über die Seite des Wissenschaftszentrum Berlin gelangt man zur besagten Publikation WZB-Vorlesungen 8 (PDF). (Nur keine falsche Scheu, es sind nur ein paar Seiten: Geballte Utopie. Gesellschaftskritik inklusive. Lassen wir uns doch bitte den Spiegel vorhalten, um uns besser kennen zu lernen.)
Auch schon fast angestaubte Dinge durfte ich von Etzioni lesen. Z.B. aus „Die aktive Gesellschaft” (1975), im Englischen bereits anno 1968. Ein kleiner Teil erinnerte mich doch stark an Marxs Theorie der Klassen und das darin genannte Streben des Proletariats gegen den juristischen Überbau der Bourgeoisie. Darüber nachzudenken war und ist verschrien, da wir ja im Westen so lange den im Pelz des Kommunismus steckenden Faschismus bekämpft hatten.
In Kapitel 18, Die Mobilisierer (S. 544) heißt es:
„Aus der vorangegangenen Analyse geht hervor, dass ein Schlüssel zur Transformation monopolisierter Gesellschaften in der Mobilisierung schwächerer Großgruppen und der Gesellschaft im allgemeinen liegt. Diese Analyse ist nicht vollständig, wenn nicht die Grundlagen der neuen oder zusätzlichen Mobilisierung und ihre historischen Quellen untersucht werden.// Allein aufgrund einer Analyse der Schichtungsstrukturen kann man erwarten, dass es kaum die mächtigen Großgruppen sein werden, die die Mobilisierer für die Schwächeren stellen. Die Schwachen sind schwer zu mobilisieren, und eine plötzliche Vermehrung der Zahl und Fähigkeiten ihrer Mobilisierer ist schon deshalb unwahrscheinlich, weil die mächtigen Gruppen – als Bestandteil ihrer Herrschaftsstrategie – die Möglichkeit der schwächeren zur Hervorbringung mobilisierender Eilten ständig einzuschränken bestrebt sind.// […]”
Ich wünsche ein erhellendes Weihnachtsfest. (Ich sollte mich jetzt eigentlich um meine Vorbereitungen zur elekro-chemischen Energiegewinnung kümmern.)