Demokratische Ethik fällt weit zurück. Brauchen wir ein neues Unterrichtsfach?

20. April 2009

Die in der amtlichen Position zum Volksbescheid in Berlin am 26.04.2009 formulierten Perspektiven von Senat und Abgeordnetenhaus sind voller Widersprüche. Es graust mich, dass Parlament und Regierung derart taktisch Argumentieren und dabei freiheitliche Prinzipien nicht nur missachten, sordern offensichtlich nicht vor Augen haben.

“Anstatt von einem allwissenden Automaten zu träumen, anerkennet die Tatsache, daß der Mensch alles Wissen nur aus eigenem Willen und aus eigener Kraft erwirbt, und daß dies seinen Vorrang im Universum darstellt, dies seine Natur ausmacht, seine Moral, seine Größe. […] Moralische Vollkommenheit ist nicht der Grad eurer Intelligenz, sondern der volle und ständige Gebrauch eures Verstandes, nicht das Maß eures Wissens, sondern die Anerkennung der Vernunft als absolut.” (Rand, S. 1138f.)

Der Ethik-Unterricht ist eingeführt worden als Alternative zur Wertevermittlung von Glaubensgemeinschaften jedwelcher Art, und sei es der Familie. Der gegenwärtige Volksentscheid hat die Idee zur Grundlage, die Menschen, die sich zu einer Glaubensgemeinschaft zugehörig fühlen, von der Nötigung loszusagen, am Ethik-Unterricht teilnehmen zu müssen und ihnen die Wahl zurück zu geben.

Der Ethikunterricht wird damit nicht als unnütz oder schlecht verurteilt. Er wird anerkannt als ein Weg neben anderen, die bestehen. Und die höchste Güte, die die Freiheit der Wahl ausdrückt, ist, Selbstkontrolle zu erlangen, was man bei aller Notwendigkeit mit seiner eigenen Zeit anzufangen gedenkt.

“(Einen Menschen) zwingen, gegen sein eigenes Urteil zu handeln, ist, als würde man ihn zwingen, gegen das zu handeln, was er mit eigenen Augen sieht. Wer immer - zu welchem Zweck und in welchem Ausmaß auch immer - den Anfang macht mit der Anwendung von Gewalt, trachtet seinem Opfer nach dem Leben - in einem weiteren Sinne, als ein Mörder: Er trachtet ihm nach der Fähigkeit zu Leben.” (Rand, S. 1098)

Literatur: Rand, Ayn: Wer ist John Galt? Hamburg, 1997.


Selbstbestimmt leben

9. September 2008

Wer zu selbstbestimmtem Leben recherchiert, trifft als erstes auf Initiativen, die sich mit körperlicher und geistiger Behinderung beschäftigen. Doch betrifft dies nicht eigentlich uns alle?

In Sachsen-Anhalt gibt es nun einen Verein, der sich ebenfalls mit dem Thema befasst, in der eingegen Darstellung jedoch über besagte Behinderungen hinaus geht (”Über uns“). Das finde ich ausgesprochen interessant.

So ist es mein Beitrag an dieser Stelle, erneut auf ein bedigungsloses Grundeinkommen aufmerksam zu machen, für das am 20.9.2008 übrigens in Berlin demonstriert wird.

Auf die vom Verein gestellte Frage, was Menschen daran hindert, kostenfreie Angeboten wahrzunehmen, fällt mir ein:

Sie gehen in der Masse an Angeboten unter. Problem: Ist ein Angebot populär, ist es oft nicht mehr kostenfrei – wegen ökonomischer Zusammenhänge. Solange Tätigkeit und Einkommen ausschließlich direkt gekoppelt sind, wird sich daran auch nicht viel ändern. Ein selbstbestimmtes Leben führt man, wenn man sorgenfrei handeln kann. Ökonomische Sorgen haben hierbei ein großes Gewicht. Darum geben sich auch so viele Menschen für Geld hin – und verstehen nicht, wenn es welche gibt, die am Status Quo rütteln.

Ein wichtiges Argument in Bezug auf ein bedingungsloses Grundeinkommen, wie es beispielsweise Philippe Van Parijs propagiert.


ARD Themenwoche zu Demographie

26. April 2008

Nicht, dass ich auch nur eine Minute ARD gesehen habe in dieser Woche (meine Prüfungen), doch Fernsehen kann man auch lesen!

Die ARD beschäftigte sich mit dem demographischen Wandel. Nur zu einem Teil hat dies mit sozialer Sicherung zu tun. Und doch reichte das Themenspektrum bis zum Grundeinkommen. Die Bürgerinitiative bedingungsloses Grundeinkommen ist gar würdig erwähnt.

Lesen kann man davon unter Einkommen ohne Arbeit: Geniestreich oder Sozialutopie?

Nachdem das Thema kulturelle Globalisierung gestern in meiner Prüfung im Mittelpunkt stand, habe ich mir einen diesbezüglichen Kommentar erlaubt:

Die kulturelle Globalisierung ist eine Gefahr (”Clash of Civilisations”, Huntington in 2006), doch sie ist auch Chance – wenn man Gerechtigkeit zulässt. Das heißt auch Einschnitte hinnehmen. Die Gerechtigkeitsfrage richtet sich darauf, wer die Einschnitte am stärksten spürt.


Direkte Demokratie heißt Kratzen und Beißen

23. April 2008

Nachdem ich am Montag meine Meinung zur Tempelhof-Abstimmung verfasst hatte, kam gestern ein Brief per Postwurf. Herr Karl-Georg Wellmann schreibt an alle Steglitz-Zehlendorfer Haushalte. Ich kenne die Auflage des Briefes nicht; bin neugierig, was eine solcher Postwurf kostet. Auf mir sitzen lassen, kann ich die Sache allerdings nicht: Ich habe geantwortet, postwendend:

Meine Antwort per Postkarte

Völkerrecht und Menschenrecht

14. Oktober 2007

Im Alltag scheinbar etabliert und dennoch gern vergessen. Es reicht nicht, sich einmal darauf einzulassen, nein: Es ist tägliche Herausforderung.

Ob Muñoz für Schule und Bildung oder Paech für internationale Zusammenhänge. Es gibt einige Menschen, die für Rechte einstehen und dabei Vorzüge und Rückschläge benennen.

Zeit sich zurück zu lehnen und über scheinbar bestehende Errungenschaften zu plauschen gibt es jedenfalls nicht. Täglich werden Rechte missachtet oder instrumentalisiert. Da schon nur wenige die heute sehr komplexen Zusammenhänge verstehen oder hinterfragen, sitzt eine Masse der anderen vor dem Fernseher und läßt sich ablenken vom Geschehen. Die Herausforderung ist, die Masse zu begeistern. Doch wie anders ist dies möglich, als durch eine gute Bildung.

Was nicht das letzte Mal die Frage aufwirft: Was ist eigentlich gute Bildung? Menschen mit fremden Erkenntnissen zu füttern ist es jedenfalls nicht. Mit Antworten zu dieser Frage beschäftigt sich das Archiv der Zukunft. Ich will hoffen, es kommt zu Ergebnissen und findet vielfältige Umsetzungen hierzu.

Ein paar weiterführende Links:
GEW - Menschenrecht Bildung
Attac Podcast: Das Völkerrecht und die Instrumentalisierung der Menschenrechte

Wer weitere Beispiele findet, darf diese gerne mitteilen.


Geld ist Bewusstsein

19. Februar 2007

Dr. Benediktus Hardorp über Geld: Langenthal 1

Ein interessanter Beitrag. Und: Eine insgesamt interessante Plattform und Sammlung von Vorträgen.


Freie Wahlen

6. Februar 2007

In gewöhnlichen Vereins- oder Organisationssitzungen sind offene Abstimmungen üblich. Ich erlebe dies vom Sportverein über Parteien bis hin zur Kollegiatenvertretung. Die Banalität vieler offener Verfahren wird in Block-Abstimmungen weniger deutlich, als sie es in Einzelabstimmungen wird. Insbesondere dann, wenn es um Personalfragen geht: Entweder es gibt nicht genug KandidatInnen, um überhaupt konkurrierende Positionen zu erreichen; es finden sich nur so viele Freiwillige, dass man knapp von Arbeitsfähigkeit sprechen kann. Oder eine noch so kleine Kritik an einer KandidatIn ist nicht möglich, da man sich als vermeintlicher Querulant offenbaren müsste - wenn die Kritik auch noch so unpersönlich ist.

Freie Kritik zu äußern, könnte ein unmittelbar bevorstehendes Wahlverfahren verzögern. Geheime Wahlen zu verlangen ebenso. Da die Zeit generell knapp ist und sich viele bereits vor einer Sitzung über das nahende Ende unterhalten, fällt ein einsames Veto schon aus Gewissensgründen oft genug flach. Auch wenn es gesetzlich vorgeschrieben ist, verbietet es sich bei beschriebener Stimmungslage. Kritik gibt es so eigentlich nur, wenn sich bereits eine kritische Masse gebildet hat. Eine Zwickmühle.

Wie frei kann eine Wahl sein? Wird hier sichtbar, dass es eine Schnittmenge zwischen Redefreiheit und Anonymität gibt? Dass man sich Zeit geben muss, um frei und offen miteinander zu Arbeiten?

Wie kann es sein, dass ich kürzlich an banaler Stelle wegen einiger eigener Enthaltungen zur Wahl einiger Delegierter eine Quittung bekommen habe: Bei dem mich betreffenden Wahlgang gab es überdurchschnittlich viele Enthaltungen. Eine Kritik an meiner Person? Eine Kritik an meinem Stimmverhalten?

Wie dem auch sei: Es ist anzunhemen, dass mein eigenes Wahlverhalten Einfluss hatte, auf das Wahlverhalten Anderer. Sofern es hierbei nicht um Sachfragen, sondern um Personalfragen geht, kann ich mit dieser Erfahrung nur ausdrücklich generell geheime Wahlen empfehlen. Ohne ein ungezwungenes Handeln in sicherer Anonymität ist freie Wahl ausgeschlossen. Das trifft nicht nur auf Wahlmaschinen und Weltpolitik zu, sondern eben auch auf Basisdemokratie.


Irrepressible: Who’s in therapy now?

28. Januar 2007

I’ve listened to a wonderful talk about literature, storytelling and therapists. Best described by Rick with: „Books are a great way to use your tiny mind.”

Therefore I’d like to point your attention to Rick Kleffel interviewing author Heidi Juilavits.

My highlight has – more or less – begun with a quote that’s mentioned: “How the owerall whiteness on the wolrd is threaten” (TimeCode 43:24)


Klimawandel und Verantwortung

22. Januar 2007

Am Freitag las ich in der Zeitung, Lars Josefson, Chef von Vattenfall, habe gesagt, „das Thema Klimaerwärmung sei zwar das «Thema des Tages». Es sei jedoch in seiner Bedeutung noch immer «völlig unterschätzt».” Prima denk ich, willkommen in der Realität.

Doch konkret hieß es dann: „«Die unbequeme Wahrheit habe eine bequeme Lösung», folge man den Empfehlungen und Ansatzpunkten seines Konzerns, so könnten im Jahr weltweit sieben Gigatonnen Treibhausgasemissionen vermieden werden, das wäre immerhin sieben Mal so viel, wie in jedem Jahr in Deutschland ausgestoßen würden.”

Bequem für wen? Bequem für den Konzern? Oder bequem für die Weltbevölkerung? Was ist das Siebenfache des Deutschen CO2-Ausstoßes gegenüber der weltweiten Emission? Bequem ist das allemal. Allerdings nur für die Verursacher. Wer das so bezeichnete „Thema des Tages” verantwortungsbewusst behandeln möchte, der sollte doch bitte weitaus unbequemere Wege einschagen, um einer Lösung gerecht zu werden. Das Thema ist leider bereits über 50 Jahre bekannt. Das sind mehr als 18.262 Tage. Wir haben einiges aufzuholen.

Eine Lösung dabei als angenehm zu bezeichnen, halte ich für zynisch. Und dann fällt mir heute die Überschrift des Zeitungsartikels auf: Nur zwei Grad? Na da geht doch mehr, oder?

Politisch, sowie gesellschaftlich, zeigen wir leider nicht wirklich, dass wir bereits auf dem richtigen Weg sind. Wir wissen zwar, wo wir hin wollen. Doch das Ziel scheint hinter uns zu liegen. Ich bin gespannt, wann wir uns drehen, um endlich voran zu kommen.

Quelle: Tagesspiegel vom 19.01.2007 „Nur zwei Grad Erderwärmung als Ziel”


Die aktive Gesellschaft

17. Dezember 2006

Ich hatte kürzlich ein kleines Buch der EU-Kommission in der Hand, das grade mal 33 mal 25 Millimeter misst. Sozusagen die Feldpostausgabe von „Meine Grundrechte in der Europäischen Union”. 54 Artikel, angefangen bei: 1 - Würde des Menschen

Als ich es so durchblätterte viel mir auf, dass kein Mensch in Europa von Pflichten zu sprechen scheint: „Meine Pflichten in der Europäischen Union”? Aber auf dem Büchlein steht es ja. GrundRECHTE. Was soll ich auch erwarten?

Doch wie kam ich auf den Gedanken?

Glücklicherweise bin ich im Rahmen meines Unterrichtes der Sozialwissenschaften kürzlich auf Amitai Etzioni aufmerksam gemacht worden, über den ich ein paar Worte erzählen soll. Gestoßen bin ich dabei auf eine Publikation, die meinen Anspruch hervorragend verdeutlicht. Zusammengefasst: Was muss das Individuum tun, damit sich eine Gemeinschaft weiterentwickelt, statt dass eine Gemeinschaft unter seinen Individuen leidet?

Über die Seite des Wissenschaftszentrum Berlin gelangt man zur besagten Publikation WZB-Vorlesungen 8 (PDF). (Nur keine falsche Scheu, es sind nur ein paar Seiten: Geballte Utopie. Gesellschaftskritik inklusive. Lassen wir uns doch bitte den Spiegel vorhalten, um uns besser kennen zu lernen.)

Auch schon fast angestaubte Dinge durfte ich von Etzioni lesen. Z.B. aus „Die aktive Gesellschaft” (1975), im Englischen bereits anno 1968. Ein kleiner Teil erinnerte mich doch stark an Marxs Theorie der Klassen und das darin genannte Streben des Proletariats gegen den juristischen Überbau der Bourgeoisie. Darüber nachzudenken war und ist verschrien, da wir ja im Westen so lange den im Pelz des Kommunismus steckenden Faschismus bekämpft hatten.

In Kapitel 18, Die Mobilisierer (S. 544) heißt es:
„Aus der vorangegangenen Analyse geht hervor, dass ein Schlüssel zur Transformation monopolisierter Gesellschaften in der Mobilisierung schwächerer Großgruppen und der Gesellschaft im allgemeinen liegt. Diese Analyse ist nicht vollständig, wenn nicht die Grundlagen der neuen oder zusätzlichen Mobilisierung und ihre historischen Quellen untersucht werden.// Allein aufgrund einer Analyse der Schichtungsstrukturen kann man erwarten, dass es kaum die mächtigen Großgruppen sein werden, die die Mobilisierer für die Schwächeren stellen. Die Schwachen sind schwer zu mobilisieren, und eine plötzliche Vermehrung der Zahl und Fähigkeiten ihrer Mobilisierer ist schon deshalb unwahrscheinlich, weil die mächtigen Gruppen – als Bestandteil ihrer Herrschaftsstrategie – die Möglichkeit der schwächeren zur Hervorbringung mobilisierender Eilten ständig einzuschränken bestrebt sind.// […]”

Ich wünsche ein erhellendes Weihnachtsfest. (Ich sollte mich jetzt eigentlich um meine Vorbereitungen zur elekro-chemischen Energiegewinnung kümmern.)